30.06.2009 - BGH, Az: VI ZR 210/08
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30.06.2009 - BGH, Az: VI ZR 210/08 - Zur Störerhaftung eines Domainverpächters
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BGH
VI ZR 210/08
30.06.2009
Vorinstanz(en): LG Hamburg, Az. 324 O 862/07; OLG Ham burg, Az. 7 U 29/08
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 30. Juni 2009 durch …
für Recht erkannt:
Die Revision des Klägers gegen das Urteil des 7. Zivilsenats des Hanseatischen Oberlandesgerichts
Hamburg vom 5. August 2008 wird auf seine Kosten zurückgewiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
[1] Der Kläger macht einen Anspruch auf Unterlassung unwahrer Äußerungen geltend, die Teil eines
Beitrags waren, der ab 12. Juni 2007 im Internet abrufbar war. Die Beklagte verlegt das Nachrichtenmagazin
"Focus". Sie ist als Inhaber der Domain "focus.de" eingetragen, welche die Tomorrow Focus AG gepachtet
hat. Deren Website mit dem Nachrichtendienst "Focus online" ist unter der Adresse
http://www.focus.de erreichbar.
[2] Im Impressum dieser Internetseite heißt es: "FOCUS ONLINE ist ein An-gebot der TOMORROW FOCUS
AG, Geschäftsbereich Portal. Für die Seiten des FOCUS-Magazins (http://focus.de/magazin mit allen Unter -
seiten) ist Diensteanbieter jedoch die FOCUS Magazin Verlag GmbH". Artikel, die in dem genannten
Magazin erscheinen, sind unter www.f ocus.de/magazin abrufbar.
[3] Der Artikel, der Gegenstand der Klage ist, wurde von einer Journalistin verfasst, die bei dem von der
Beklagten verlegten Magazin tätig ist. Er stand jedoc h nicht in dem Magazin und wurde nicht unter
www.focus.de/magazin, sondern im Online-Nachrichten dienst der Tomorrow Focus AG veröffentlicht.
[4] Die Beklagte erlangte durch Abmahnschreiben des Klägers vom 24. und 27. August 2007 Kenntnis von
dem Beitrag. Sie leitete die Schreiben an die Tomorrow Focus AG weiter. Diese löschte den Beitrag und gab
eine strafbewehrte Unterlassungserklärung ab, was die Beklagte verweigerte.
[5] Das Landgericht hat der Klage stattgegeben. Das Berufungsgericht hat sie abgewiesen und die Revision
zugelassen, mit der der Kläger weiterhin die Verurteilung der Beklagten erstrebt.
Entscheidungsgründe
I.
[6] Nach Auffassung des Berufungsgerichts haftet die Beklagte weder als Täter noch als Störer für den Inhalt
der Äußerungen. Eine Täterhaftung als Verbreiterin komme nicht in Betracht, weil die Beklagte den Beitrag
nicht selbst ins Netz gestellt und von ihm keine Kenntnis gehabt habe. Sie müsse für die Verfasserin nicht
einstehen, weil diese zwar bei ihr beschäftigt, aber in Bezug auf den Beitrag nur für die Tomorrow Focus AG
tätig gewesen sei.
[7] Die Beklagte hafte auch nicht deshalb für den Inhalt aller Beiträge auf der Internetseite
www.focus.de, weil sich auf der Titelseite des von ihr verlegten Nachrichtenmagazins ein Hinweis auf die Domain
"focus.de" befinde. Dieser Hinweis erleichtere zwar dem Leser des Magazins das Auffinden der Website, mit ihm
mache sich jedoch die Beklagte nicht deren Inhalt zu eigen, auch wenn die Beklagte und die Tomorrow Focus
AG mit personellen Überschneidungen dem gleichen Konzern angehörten.
[8] Zwar erbringe die Beklagte m it der Überlassung der Domain einen wesentlichen Beitrag zur Nutzung der
Internetseite und komme somit als Störerin in Betracht. Sie habe die Möglichkeit, sich vertraglich Einfluss auf
den Inhalt der Internetseite vorzubehalten oder durch Aufgabe der Domain oder Dekonnektierung des
Access-Providers den Internetauftritt von der Domain zu trennen. Ihre Haftung setze aber die zusätzliche
Verletzung von Pflichten voraus. Sie müsse nach Hinweis die Unterbindung des Beitrags ver anlassen und Vor-
sorge treffen, dass es zu keinen erneuten Eingriffen in Rechte des Klägers komme. Eine weitergehende
Prüfungs- und Überwachungspflicht bestehe nur, wenn sie konkret mit solchen Eingriffen rechnen müsse.
Das sei nicht der Fall gewesen. Da sie unverzüglich die Löschung des Beitrages bewirkt habe, hafte sie
nicht.
II.
[9] Das Berufungsurteil hält den Angriff en der Revision stand. Der Kläger hat gegen die Beklagte keinen
Anspruch auf Unterlassung.
[10] Ein Unterlassungsanspruch ergibt sich unabhängig davon, ob die Beklagte Diensteanbieter gemäß § 2
Satz 1 Nr. 1 TMG ist, nicht aus den Vorschriften über die Verantwortlichkeit von Diens teanbietern im
Telemediengesetz (TMG). Die §§ 7 bis 10 TMG weisen nämlich keinen haftungsbegründenden Charakter auf
und enthalten keine Anspruchsgrundlagen, sondern setzen eine Verantwortlichkeit nach allgemeinen
Vorschriften des Zivil- oder Strafrechts voraus (Senat, Urteil vom 27. März 2007 - VI ZR 101 /06 - VersR 2007,
1004 sowie BGHZ 158, 236, 246 ff.; 172, 119, 126). Eine nach den allgemeinen Vorschriften mögliche
Haftung entsprechend § 1004 Abs. 1 Satz 2, § 823 Abs . 1 BGB i.V.m. Art. 2 Abs. 1, Art. 1 Abs. 1 GG hat das
Berufungsgericht zu Recht verneint.
[11] 1. Das Berufungsgericht hat seiner Beurteilung zugrunde gelegt, das s die vom Kläger angegriffenen
Äußerungen unwahr sind und in sein Allgemeines Persönlichkeitsrecht eingreifen. Das rügen die Parteien im
Revisionsverfahren nicht.
[12] 2. Davon ausgehend kann eine Störereigenschaft der Beklagten hinsichtlich eines eventuellen
Unterlassungsanspruchs wegen ihres Beitrags zur Verbreitung der beanstandeten Äußerung im Online-Nachrichtendienst der Tomorrow Focus AG nicht von vornherein verneint werden. Soweit die Revision meint,
entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts habe die Beklagte das Persönlichkeitsrecht des Klägers
nicht nur als Störerin sondern als Täterin verletzt, kommt es auf eine solche Unterscheidung bei dem geltend
gemachten Unterlassungsanspruch nicht an.
[13] a) Als Störer im Sinne von § 1004 BGB ist - oh ne Rücksicht darauf, ob ihn ein Verschulden trifft - jeder
anzusehen, der die Störung herbeigeführt hat oder d essen Verhalten eine Beeinträchtigung befürchten lässt.
Sind bei einer Beeinträchtigung mehrere Personen beteiligt, so kommt es für die Frage, ob ein
Unterlassungsanspruch gegeben ist, grundsätzlich nicht auf Art und Umfang des Tatbeitrags oder auf das Interesse
des einzelnen Beteiligten an der Verwirklichung der Störung an. Im Allgemeinen ist ohne Belang, ob er sonst
nach der Art seines Tatbeitrags als Täter oder Gehilfe anzusehen wäre (vgl. Senat, Urteile vom 3. Februar
1976 - VI ZR 23/72 - GRUR 1977, 114, 115; vom 27. Mai 1986 - VI ZR 169/85 - VersR 1986, 1075, 107 6;
vom 9. Dezember 2003 - VI ZR 373/02 - VersR 2004, 522, 524). Als (Mit-)Störer kann auch jeder haften, der
in irgendeiner Weise willentlich und adäquat kausal an der H erbeiführung der rechtswidri gen Beeinträchtigung mitgewirkt hat, wobei als Mitwirkung auch die Unterstützung oder die Ausnutzung der Handlung eines
eigenverantwortlich handelnden Dritten genügt, sofern der in Anspruch Genommene die rechtliche Möglichkeit zur Verhinderung dieser Handlung hatte. Dem negatorischen Unterlassungsbegehren steht nicht
entgegen, dass dem in Anspruch Genommenen die Kenntnis der die Tatbestandsmäßigkeit und die
Rechtswidrigkeit begründenden Umstände fehlt. Ebenso ist Verschulden nicht erforderlich (vgl. Senat, Urteil vom 9.
Dezember 2003 - VI ZR 373/02 - aaO m.w.N.). Des-halb kann etwa im Presserecht der Unterlassungsanspruch
nicht nur gegen Au-tor und Verleger gerichtet werden (vgl. BGHZ 3, 270, 275 f.; 14, 163, 173 ff.), sondern
auch gegen so gen annte technische Verbreiter, wie Grossisten, Inhaber von Vertriebsstellen oder Buch -handlungen (vgl. Senat, Urteil vom 3. Februar 1976 - VI ZR 23/72 - aaO, S. 116; Beater, Medienrecht [2007],
Rn. 1927 ff.).
[14] Soweit in der neueren Rechtsprechung eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Institut der Störerhaftung zum Ausdruck kommt und erwogen wird, die Passivlegitimation für den Unterlassungsanspruch
allein nach deliktsrechtlichen Kategorien der Täterschaft und Teilnahme zu begründen (vgl. BGHZ 155, 189,
194 f.; 173, 188, 194 ff.; BGH, Urteil vom 15. Mai 2003 - I ZR 292/00 - GRUR 2003, 969, 970), betrifft dies
Fälle, in denen anders als beim Allgemeinen Persönlichkeitsrecht keine Verletzung eines absoluten Rechts
in Rede steht (BGHZ 158, 236, 251; 172, 119, 132; BGH, Urteil vom 30. April 2008 - I ZR 73/05 - GRUR
2008, 702, 706; KG, MMR 2006, 393, 394; Spindler/Weber in Spindler/Schuster, Recht der elektronischen
Medien [2008], § 1004 BGB Rn. 10).
[15] b) Die Beklagte hat dadurch zur Verbreitung der Äußerungen beigetragen, dass sie die Nutzung ihrer
Domain "focus.de" vertraglich der Tomorrow Focus AG überlassen hat (Domainpacht, vgl. Kili
an/HeussenKoch, Computerrechtshandbuch, Stand: 26. Lfg. 20 08, Kap. 24 Rn. 276 ff.; Förster in
Schwarz/Peschel-Mehner, Recht im Internet, Stand: 22. Lfg. 2009, Kap. 7-A, Teil 3.1 Rn. 1 ff.; Seifert, Das Recht der
Domainnamen [2003], Kap. 10 Rn. 14 ff.). Deren Website mit dem Nachrichtendienst "Focus online" konnte dadurch
unter der den Domainnamen enthaltenden Adresse http://www.focus.de aufgerufen werden, was die
praktische Nutzung erleichtert (zur Abgrenzung von Domain und Website vgl. OGH, MMR 2006, 669, 670).
[16] Ebenso wie der Vermieter neben dem Mieter kann auch der Verpächter neben dem Pächter grundsätzlich als Störer in Anspruch genommen werden (vgl. BGHZ 95, 307, 308; 129, 329, 335; BGH, Urteil vom 11.
November 1966 - V ZR 191/63 - NJW 1967, 246; Jauernig, BGB, 12. Aufl., § 1004 Rn. 18). Das
Berufungsgericht hat zu Recht ausgeführt, dass die Beklagte als Domaininhaberin mit dem Betreiber der mit der
verpachteten Domain verknüpften Website vertraglich verbunden ist und die Möglichkeit hat, sich durch
entsprechende Vertragsgestaltung den Einfluss auf die Internetseite vorzubehalten und diesen Einfluss im Falle
der Verletzung der Rechte Dritter auszuüben, wie im Streitfall geschehen. Außerdem hat es dar auf
verwiesen, dass im äußersten Fall die Möglichkeit der Trennung von Domain und Website bestehe (vgl.
Kilian/Heussen-Koch, aaO, Kap. 24 Rn. 317, 334).
[17] c) Der weite Kreis der als Verbreiter möglicherweise auf Unterlassung Haftenden erfährt durch das TMG
keine Begrenzung. Haftungsbeschränkungen wie § 10 TMG, die eine Art "Filterfunktion" haben (vg l.
BT-Drs. 14/6098, S. 23), gelten nicht für Unterlassungsansprüche (Senat, Urteile vom 27. März 2007 - VI ZR 101/06 -
aaO, 1004 f. sowie BGHZ 172, 119, 126; so schon zum TDG BGHZ 158, 236, 246 ff.).
[18] 3. a) Das Berufungsgericht hat zutreffend erkannt, dass sich die Frage nach der Zumutbarkeit der
begehrten Unterlassung stellt (vgl. Senat, BGHZ 106, 229, 235; Urteil vom 3. Februar 19 76 - VI ZR 23/72 -
aaO, 116). Die Störerhaftung darf nicht über Gebühr auf Dritte erstreckt werden, die nicht selbst den Eingriff
vorgenommen haben. Die Haftung des Störers set zt deshalb das Bestehen so genannter Prüfungspflichten
voraus. Deren Umfang bestimmt sich danach, ob und inwieweit dem als Störer in Anspruch Genommenen
nach den Umständen eine Prüfung zuzumuten ist (vgl. BGH, BGHZ 158, 236, 251; 158, 343, 350; 172, 119,
131 f.; BGH, Urteil vom 30. April 2008 - I ZR 73/05 - GRUR 2008, 702, 706; Wegner in Götting/Schertz/Seitz,
Handbuch des Persönlichkeitsrechts [2008], § 32 Rn. 26 ff.; v. Hutten in Götting/Schertz/Seitz, aaO, § 47 Rn.
62). Dabei können Funktion und Aufgabenstellung des als Störer in Anspruch g enommenen Dritten und die
Eigenverantwortung des unmittelbar Handelnden eine Rolle spielen (BGHZ 148, 13, 18 f.; 158, 343, 350; vgl.
auch Spindler/Volkmann, WRP 2003, 1, 8 ff.).
[19] b) Die Revision meint zu Unrecht, diese Grundsätze fänden keine Anwendung, weil die Beklagte sich
die angegriffenen Äußerungen zu Eigen ge-macht habe. Sie sei deshalb kein mittelbarer, sondern
unmittelbarer Störer (vgl. Spindler/Volkmann, WRP 2008, 1) und Diensteanbieter eigener Informationen gemäß § 7
Abs. 1 TMG (vgl. BT-Drs. 14/6098, S. 23; Heckmann in juris PK-Internetrecht, Kap. 1.7 Rn. 11 ff.; Schneider,
Handbuch des EDV-Rechts, 4. Aufl., B Rn. 1141 ff. und 1282; Roggenkamp, jurisPR-ITR 10/2008 Anm. 4).
Der Verbreiter macht sich eine fremde Äußerung aber nur zu Eigen, wenn er sich mit ihr identifiziert, so dass
sie als seine eigene erscheint. Bei der Bejahung einer solchen Identifikation mit der Äußer ung eines Ande-
ren ist grundsätzlich Zurückhaltung geboten (vgl. Senat, BGHZ 66, 182, 189 f.). Die Beklagte macht sich
Äußerungen, die unter http://www.focus.de abrufbar sind, nicht schon durch Verpachtung der Domain oder
alleine dadurch zu Eigen, dass auf dem Titelblatt des von ihr verlegten Nachrichtenmagazins "Focus" die
Domain wiedergegeben wird (anders OLG Hamburg, GRUR-RR 2004, 82, 84). Dieser Hinweis soll vielmehr
dem Leser des Nachrichtenmagazins aufzeigen, unter welcher Domain er im Magazin erschienene Artikel im
Internet aufrufen kann, nämlich unter www.focus.de/magazin, worauf im Impressum der Internetseite
hingewiesen wird.
[20] 4. Die entscheidungserhebliche Frage nach der Zumutbarkeit von Prüfungspflichten hat das
Berufungsgericht zutreffend beantwortet.
[21] a) Der Beklagten ist als Domainverpächterin nicht zuzumuten, die Website ihres Pächters allgemein
dahingehend zu prüfen, ob sie Äußerungen enthält, die das Persönlichkeitsrecht anderer verletzen.
Demgemäß trifft den (bloßen) Inhaber der Domain grundsätzlich keine Haftung für Rechtsverletzungen, die durch
den Inhalt der Website begangen werden (ebenso OGH, MMR 2006, 669 f.).
[22] aa) Allgemeine Prüfungspflichten hat der Bundesgerichtshof für den Alleinimporteur einer ausländischen
Zeitschrift in Bezug auf dort abgedruckte, das Persönlichkeitsrecht Dritter verletzende Beiträge verneint
(Senat, Urteil vom 3. Februar 1976 - VI ZR 23/72 - aaO, 116), ebenso für den Spediteur in Bezug auf
verletzende Kennzeichnungen der von ihm verbreiteten Waren (BGH, Urteil vom 15. Januar 1957 - I ZR 56/55 -
GRUR 1957, 352, 354) oder für den Betreiber eines Internetauktionshauses in Bezug auf Angebote von
Nutzern, die Markenrechte verletzen (vgl. BGHZ 158, 236, 251 f.; 172, 119, 133 f.; BGH, Urteil vom 30. April
2008 - I ZR 73/05 - aaO).
[23] Entsprechendes gilt für die Beklagte als Domainverpächterin, jedenfalls dann, wenn sie keine konkreten
Anhaltspunkte für (drohende) Rechtsverletzungen hat. Letzteres bejaht die Revision zwar mit der Erwägung,
der Nachrichtendienst "Focus Online" stelle eine "Gefahrenquelle" dar, weil es durch die Medien immer
wieder zu Verletzungen des Persönlichkeitsrechts komme. Diese allgemeine Erwägung begründet aber
keine konkreten Anhaltspunkte, die geeignet wären, die Zumutbarkeit von Prüfungspflichten zu bejahen. Nicht
zu überzeugen vermag der Einwand, es gehe nicht um die vom Bundesgerichtshof als unzumutbar
abgelehnte Prüfung von Angeboten, die eine Vielzahl von Nutzern eines Internetauktionsdienstes auf dessen
Website einstellen (vgl. BGHZ 158, 236, 251 f.), sondern nur um die Prüfung von Beiträgen des Pächters der
Domain. Für die Unzumutbarkeit spricht hier die Anzahl der zu überprüfenden Beiträge, di e bei einem um-
fangreichen Nachrichtendienst wie "Focus Online" beträchtlich ist. Zudem werden die Beiträge im Gegensatz
zu Printpublikationen ständig ("in Echtzeit") aktualisiert, so dass schon deswegen keine gleich
wirksamen Überprüfungen erfolgen können (vgl. Spindler/Weber, aaO, § 1004 BGB Rn. 9).
[24] bb) Zwar können, worauf die Revision abstellt, einen Verleger als "Herr der Zeitung" (Senat, BGHZ 39,
124, 129; Urteile vom 4. Juni 1974 - VI ZR 68/73 - Vers R 1974, 1080; vom 27. Mai 1986 - VI ZR 169 /85 -
aaO, 1076) oder einen Rundfunkveranstalter als "Herr der Sendung" (Senat, BGH Z 66, 182, 187) allgemeine
Prüfungspflichten treffen (vgl. Senat, Urt eile vom 19. März 1957 - V I ZR 263/55 - NJW 1957, 1149, 1150;
vom 8. Juli 1980 - VI ZR 158/78 - GRUR 1980, 1099, 1 104). Da er die Herstellung und Verbreitung
redaktioneller Beiträge mit sachlichen und persönlichen Mitteln ermöglicht, so ll er als wirtschaftlicher Träger das
Haftungsrisiko tragen (Soehring, Presserecht, 3. Aufl., Rn. 28.2; v. Hutten, aaO, § 47 Rn. 21). Deshalb be-
stehen für ihn auch Prüfungspflichten, allerdings in reduzierter Form, wenn es um "fremde" Inhalte geht (v gl.
Senat, BGHZ 59, 76, 80; Urteil vom 27. Mai 1986 - VI ZR 169/85 - aaO, 1077).
[25] Die Beklagte hatte aber allein durc h die Verpachtung der Domain nicht die Stellung eines Verlegers
inne. Es ist nicht ersichtlich, dass sie auch "Herr des Angebots" von "Focus online" war, und die vom
Berufungsgericht festgestellte "gemeinsame Konzernstruktur" - die Beklagte und die Tomorrow Focus AG gehören jeweils der Hubert Burda Media Holding GmbH & Co KG an - der Verschiebung oder Verschleierung von
Verantwortlichkeiten diente.
[26] Entgegen der Auffassung der Revision entstand auch nicht der Anschein, die Beklagte sei "Herr des
Angebots". Dagegen spricht das Impressum des elektr onischen Inform ationsdienstes (vgl. § 5 TMG), in dem
es im August 2007 hieß: "Focus online ist ein Angebot der Tomorrow Focus AG, Geschäftsbereich Portal.
Für die Seiten des Focus-Magazins (http://focus.de/magazin mit allen Unterseiten) ist Diensteanbieter jedoch
[die Beklagte]". Dies gilt umso mehr, weil anschließend die Tomorrow Focus AG nochmals als "Anbieter des
Gesamtangebots außer http://focus.de/magazin mit Unterseiten" und die Beklagte als "Anbieter für die
Seiten unter http://focus.de/magazin" bezeichnet wurde. Dadurch entsteht bei Beiträgen, die wie hier nicht unter
http://focus.de/magazin abrufbar waren, nicht der Anschein, die Beklagte sei "Herr des Angebots". Dies gilt
auch, soweit die Revision darauf verweist, dass der Name des von der Be-klagten verlegten
Nachrichtenmagazins ("Focus") te ilweise mit dem des über die URL www.focus.de erreichbaren
OnlineNachrichtendienstes ("Focus onli-ne") übereinstimmt und die URL auf dem Titelblatt des
Nachrichtenmagazins genannt wird. Daran ändert nichts, dass im Impressum des Jahres 2006 als Diensteanbieter allein die
Tomorrow Focus AG und im Impressum des Jahres 2007 mit dem Zusatz "Copyright © 2007 by Focus
Onlne GmbH" noch eine dritte juristische Person genan nt wurde. Schließlich führt auch der Umstand nicht zu
einer Haftung, dass der Beitrag von einer bei der Beklagten angestellten Autorin stamm te, die im Beitrag als
"Focus-Redakteurin" bezeichnet und im Impressum des Nachrichtenmagazins, nicht aber im "Impressum
Focus online" aufgeführt war. Die Beklagte haftet grundsätzlich nicht für Beiträge, die ihre Autoren außerhalb
des von ihr verlegten Nachrichtenmagazins veröffentlichen.
[27] b) Der Beklagten war allerdings zuzumuten, die Website ihres Pächters zu prüfen, als sie von den
konkreten Äußerungen, die das Allgemeine Persönlichkeitsrecht des Klägers beeinträchtigten, Kenntnis
erlangte. Insoweit sind - jedenfalls wenn wie hier die Äußerungen unstreitig unwahr waren - keine aufwändigen
Nachforschungen erforderlich (vgl. Senat, Urteil vom 3. Februar 1976 - VI ZR 23/72 - aaO, S. 116; BGH,
BGHZ 148, 13, 20; 158, 236, 252; 158, 343, 353; Spindler/Weber, aaO, § 1004 BGB Rn. 9). Das Bestehen
einer solchen Prüfungspflicht führt aber nur dann zu einem Unterlassungsanspruch, wenn der Störer nach
Kenntniserlangung und Prüfung di e Störung nicht unverzüglich beseitigt (vgl. OLG Karlsruhe, WRP 2004,
507, 508; LG Berlin, CR 2007, 742, 743). Das ist hier durch die Löschung des Beitrages geschehen (anders
im dem Senatsurteil vom 27. März 2007 - VI ZR 101/06 - aaO zugrunde liegenden Fall).
[28] c) Jedenfalls scheitert ein Unterlassungsanspruch am Fehlen einer Wiederholungs- oder
Erstbegehungsgefahr, die eine - ebenfalls vom Kläger darzulegende - materielle Anspruchsvoraussetzung ist (Senat ,
Urteil vom 19. Oktober 2004 - VI ZR 292/03 - VersR 2005, 84, 85).
[29] Zwar wird die Wiederholungsgefahr bei bereits geschehener Rechtsverletzung grundsätzlich vermutet
(BVerfG, NJW-RR 2000, 1209, 1211; Senat, Urteil vom 19. Oktober 2004 - VI ZR 292/03 - aaO, S. 85). Dafür
wäre aber eine vollendete Rechtsverletzung nach Begründung einer Prüfungspflicht erforderlich. Eine solche
Verletzung kann vorliegen, wenn es nach Kenntniserlangung zu mindestens einem weiteren Eingriff in das
Allgemeine Persönlichkeitsrecht des Klägers kommt (vgl. BGHZ 173, 188, 207). Das ist weder vorgetragen
noch ersichtlich. Nur ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass auch die Unterlassungsverpflichtungserklärung
der Tomorrow Focus AG einer Wiederholungsgefahr entgegenstehen könnte.
[30] Eine Erstbegehungsgefahr muss jeweils im Einzelfall konkret dargetan werden, weil sich in solchen
Fällen keine Basis für eine tatsächliche Vermutung finden lässt (Senat, Urteil vom 27. Mai 1986 - VI ZR
169/85 - aaO, S. 1077). Der Kläger muss dartun, dass eine erste Verletzungshandlung ernsthaft und greifbar
zu befürchten ist bzw. als unmittelbar bevorstehend droht. Die bloße Möglichkeit des Eingriffs reicht nicht
aus. Die drohende Verletzungshandlung muss sich in tatsächlicher Hinsicht so konkret abzeichnen, dass
eine zuverlässige Beurteilung unter rechtlichen Gesichtspunkten möglich ist (Fritzsche in BeckOK BGB, §
1004 Rn. 88 m.w.N.). Auch einen solchen Vortrag des Klägers hat die Revision nicht aufgezeigt.
[31] 5. Nach allem hat das Rechtsmittel keinen Erfolg und ist mit der Kosten-folge des § 97 Abs. 1 ZPO
zurückzuweisen.
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